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  • Hochschule Hamm-Lippstadt, Campus Hamm

    Neubau einer Hochschule

Neubau des Campus Hamm für die Hochschule Hamm-Lippstadt

Die Hochschule Hamm-Lippstadt ist eine von vier Hochschulen, die 2009 von der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen neu gegründet wurden. Die Gründungen gehören zu den Maßnahmen, mit denen das Land bis 2020 mehr als 11.000 neue Studienplätze schaffen will. Auf dem Gelände eines ehemaligen Bundeswehrkrankenhauses mit einer Größe von 57.000 m² wurde für die MINT-Hochschule Hamm-Lippstadt ein eigenständiger neuer Campus in Hamm mit spezialisierten Räumen kreiert. Um einen zentralen Platz orientiert sich ein Ensemble aus drei hell geklinkerten Gebäudekomplexen, die sich durch ihre klare Formensprache und funktionale Offenheit auszeichnen. Der Entwurf für den Campus ging als erster Preis aus einem europaweit ausgelobten Wettbewerb hervor. Die zwei Solitäre H1 und H2 nehmen die zentralen Funktionen Hörsaalzentrum, Mensa und Campus-Office sowie Medienzentrum und Verwaltung auf. Das kombinierte Gebäude H3/H4 in gegliederter Kammstruktur ist der größte Gebäudekomplex auf dem Campus. Er bietet Platz für Büros und Labore mit unterschiedlichen Nutzungsanforderungen.

 

Der Campus ist geprägt durch die Idee des zentralen Platzes. Alle Gebäude-Haupteingänge sind auf diesen Mittelpunkt ausgerichtet und von ihm aus werden alle Gebäude erschlossen. Wegebeziehungen aus den Gebäuden führen auf den Campus. Somit stellt der Platz das Zentrum des akademischen Lebens dar. Die Architektur des Campus führt Studierende und Lehrende z. B. auf dem Campusplatz, in Meeting Points und Arbeitsbereichen zusammen und regt die Kommunikation an.

Der Zugang zum Campus aus der Stadt erfolgt über einen Vorplatz von der Marker Allee. Mit einem Kunst-Objekt begrüßt er die Studierenden und Nutzer. Durch das anthrazitfarbene Logo der Hochschule wird eine eindeutige Absenderfunktion erzeugt. Alle Funktionen des Campus sind auf kurzem Wege fußläufig erreichbar. Eine Stellplatzanlage für PKW und Motorräder befindet sich westlich des Hauptzugangs. Die Kammstruktur des Gebäudes H3 / H4 mit grünen Höfen ist der Stadt zugewandt und bewirkt, dass sich Hochschulbauten und Umgebung miteinander verzahnen.

Lernen und Erholen kombiniert

Der ein- bis viergeschossige winkelförmige Gebäudekomplex H1 besteht aus den beiden Gebäudeteilen Hörsaalzentrum und Mensa, die im ersten Obergeschoss durch eine Brücke verbunden sind. So entsteht im Erdgeschoss ein direkter Zugang vom Parkplatz auf das Zentrum des Campus. Das Hörsaalzentrum bietet auf drei Ebenen sieben Hörsäle unterschiedlicher Größe mit aufsteigendem Gestühl und neun Seminarräume mit 1.150 Sitzplätzen. Ein Windfang führt den Besucher in das zweigeschossige Eingangsfoyer des Hörsaalgebäudes mit offener Haupttreppe. Aufgrund der Größe des Foyers und der technischen Ausstattung wird es auch für Hochschul- und kulturelle Veranstaltungen genutzt. 

Unter dem ansteigenden Gestühl in den Hörsälen verbirgt sich eine bautechnische Besonderheit mit raumprägender Wirkung. Die Konstruktion des ansteigenden Bodens ist aus Betonfertigteilen erstellt und reduziert so die Lärmentwicklung, wodurch ein wertigerer Raumeindruck entsteht. In den Hohlräumen der Betonstufen sind außerdem die Kanäle zur mechanischen Belüftung des Hörsaals integriert. Der Lufteintrag in den Raum erfolgt auf Bodenhöhe. Bei der Wahl des Hörsaalgestühls fiel die Entscheidung auf eine Konstruktion, bei der die Stühle rückseitig hängend an den fest installierten Tischen angebracht sind. Weil die Hörsaalstühle keine Befestigungsfüße besitzen, ist der Boden einfacher zu reinigen. 

Großer Wert wurde auf Kommunikationsflächen wie Sitznischen und Aufenthaltsbereiche gelegt. An vielen Orten des Campus sind offene studentische Arbeitsplätze eingerichtet, z. B. vor Seminarräumen, in der Bücherei, auf Galerien und in Verbindungsgängen des Gebäudes H3/H4. Am Kopf des Hörsaalgebäudes sind diese Arbeitsplätze aufgrund gläserner Fassadenelemente auch von außen als „Fenster zur Stadt“ gut erkennbar. So erhalten Passanten Einblicke in das akademische Arbeiten. 

Die Mensa ist eingeschossig organisiert. Sie produziert täglich bis zu 650 Essen, die sich Nutzer aufgrund des Free-Flow-Systems selbständig zusammenstellen können. Der Speiseraum orientiert sich nach Süden, das Bistro zum Campusplatz. Studierende nutzen beides auch außerhalb der Küchenöffnungszeiten als Arbeits- und Kommunikationsbereiche. Die Küche mit sämtlichen Lagerräumen ist auf der Ebene der Speiseräume angeordnet, lediglich die Personalumkleiden liegen im Untergeschoss. Die Ver- und Entsorgung der Mensa erfolgt über den im Westen angelagerten Anlieferhof. Das Campus-Office am östlichen Ende des eingeschossigen Mensa-Bauteils ist eine zentrale Anlaufstelle für die Studierenden.

 

Verwaltung und Bibliothek

Medienzentrum und Hochschulverwaltung bilden einen gemeinsamen Gebäudekomplex im südlichen Bereich des Campus. Die zweigeschossige Mediathek mit Medienstellplätzen und Nutzerarbeitsplätzen ist modern gestaltet. Sie führt insgesamt 20.000 Medien, davon etwa 5.000 in Printform. Studierende können u. a. in zwei runden Raumskulpturen auf zwei Ebenen arbeiten. Im Erdgeschoss verfügen sie über einen geschlossenen Arbeitsraum mit Blick ins Grüne. Im zweiten Geschoss sind sie als offener Bereich mit Einzelarbeitsplätzen ausgeführt.

An das Medienzentrum lehnt sich das viergeschossige Verwaltungsgebäude an. Medienzentrum und Verwaltung werden über einen gemeinsamen Windfang erschlossen. Im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss befinden sich vorwiegend Verwaltungsräume des Medienzentrums und der zentralen Dienste. Im zweiten und dritten Obergeschoss sind die Räume der Hochschulverwaltung angeordnet.

 

Departments und Labore 

In den Kammstrukturen des Gebäudekomplexes H3 / H4 sind auf drei Ebenen alle Departmentfunktionen mit Einzelbüros, Großraumbüros, Seminarräumen und Laboren untergebracht. An der winkelförmigen Magistrale am Campus sind in Richtung Marker Allee drei Trakte für die Büros, in Richtung Holunderweg drei Trakte für die Labore angeordnet. Zwischen den einzelnen Gebäudeflügeln liegen an der Magistrale gläserne Treppenhäuser zur vertikalen Erschließung der Geschosse.

Bewusst wurden die Dozentenbüros als Einzelbüros mit einer geringen Größe konzipiert. Denn die Lehrenden sollen nicht lange in ihren Büros verweilen, sondern sich mit Kollegen und Studierenden treffen. Dafür bietet die Hochschule überdurchschnittlich viele Besprechungsräume: Drei Professoren teilen sich einen Besprechungsraum. 

Ausgehend von einem konstanten Ausbauraster von 1,20 m und einer dreibündigen Gebäudetiefe können verschiedene Raumzonen modular angeordnet werden. Im Bürobereich wurden 4,40 m tiefe Räume für die Büros sowie 6,50 m tiefe Räume für die Seminarräume als Dreibundstruktur angeordnet, sodass dabei auch Großraumbüroflächen optimal untergebracht werden können. Die Mittelzonen werden zur Platzierung von Nebenräumen genutzt. Die Geschosshöhen orientieren sich mit 4,50 m an der Labornutzung, um stufenlose Übergänge von Labor und Büro zu erstellen.

Neben physikalischen, biologischen und chemischen Laboren verfügt die Hochschule über einen Reinraumbereich und lichttechnische Labore. Der Reinraum-Laborbereich ist eine Raum in Raum-Konstruktion auf einem Hohlraumboden, die Versuche unter staubfreien Bedingungen ermöglicht. Die Reinraumlabore mit Schleusensystem arbeiten mit Überdruck. Beständig wird Luft über Hochluftfilter gereinigt, eingeblasen und über eine Luftabsaugung im Bodenbereich abgesaugt. Der kontinuierliche Strom aus gefilterter Luft stellt sicher, dass luftgetragene Teilchen zu Boden gedrückt werden und die Konzentration dieser Teilchen im Raum möglichst gering ist. Abhängig von der ISO-Reinraumklasse ist die Luftwechselrate. Nutzer des Raumes kleiden sich in den vorgelagerten Sozialräumen um und betreten das Reinraumlabor über eine Personenschleuse.

Im Erdgeschoss des Gebäudes H3 an der Ecke Marker Allee /Holunderweg liegen erschütterungsfreie optische Labore. In diesen Laboren sind überaus sensible Messeinrichtungen mit einer hohen Intoleranz gegenüber Schwingungen aufgestellt. Durch bauliche Maßnahmen im Bereich der Gründung und der Fundamente wurden in den Räumen Erschütterungen verringert. Um die Übertragung von Schwingungen aus benachbarten Gebäudeteilen zu verhindern, wurde zusätzlich eine Dehnfuge eingearbeitet.

Im südlichen Bereich des Gebäudes H3 befindet sich das zweigeschossige Technikum. Die Hochschule nutzt das Technikum u. a. für große Versuchsaufbauten z. B. aus dem Bereich Maschinenbau. Diese Hallenkonstruktion mit einer Grundfläche von 1.500 m² ist mit einer Krananlage ausgestattet. Sie erstreckt sich über die gesamte Länge der Halle und ermöglicht den Transport von Lasten bis zu einem Gewicht von 10 Tonnen. Für die Anlieferung großer Elemente ist die Halle des Technikums mit LKWs befahrbar. Direkt angelagert liegen Werkstätten, die sowohl das Technikum als auch die Hochschule insgesamt bedienen. In den Werkstätten lassen sich aufgrund der gebäudetechnischen Versorgung mit Gasen und Absaugungsvorrichtungen verschiedene Werkstattsituationen nachstellen, z. B. eine Schweißwerkstatt.

Farbkonzept 

Das Farbkonzept arbeitet mit einem reduzierten Farbkanon aus Weiß, Anthrazit und Gelb als Akzentfarbe, der sich durch die gesamte Gestaltung der Campusgebäude zieht. Sämtliche Innenwände sind mit Ausnahme der Magistralen weiß gestrichen. Für eine verbesserte Orientierung sind die Magistralen im Gebäudekomplex H3/H4 gelb gehalten. Sämtliche Böden sind mit anthrazitfarbenen Materialien wie Werkstein, Kautschuk und Teppich belegt.

Der helle, freundliche Wasserstrich-Klinker erzeugt ein lebhaftes Gesamterscheinungsbild aus einem hell-dunkel Farbverlauf und spiegelt so den Anspruch der Hochschule auf Modernität wider. Der hochwertige engobierte Verblendstein wurde eigens für den Campus entwickelt und produziert. Durch seine Kleinteiligkeit verstärkt der Stein den Eindruck der kubischen Fassadengestaltung. Fenster sind in der Fassade als Bänder mit massiven Brüstungen gegliedert und in der Regel fest verglast. Geschlossene Fensterflügel lassen sich zur natürlichen Belüftung der Räume öffnen. 

 

Energie und Technik 

Die gesamte Infrastruktur des Campus ist in einem Technikkeller unterhalb des Gebäudekomplexes H3/H4 angesiedelt sowie in den Lüftungszentralen auf dem Dach. Im Technikkeller befinden sich u. a. die Wasserversorgung und -aufbereitung, die Wärme- und Kälteversorgung, Trafos, die Netzersatzgeneratoren sowie die Druckluft. Von diesen Zentralen werden alle Gebäude über einen unterirdischen Technikkanal erschlossen. Der 3 m breite und 4 m hohe Technikkanal ist großzügig bemessen, um eine hohe Flexibilität für Nachinstallationen und Wartungsarbeiten zu gewährleisten. Die Hauptstromverteilung ist durch eine Stromschiene aus Kupfer ausgeführt. Erweiterungen der Stromversorgungen können nachträglich durch Anschluss an die optimal dimensionierte Kupfer-Stromschiene, die alle Gebäude versorgt, durchgeführt werden. Über Versorgungskanäle sind auch die Gebäude H1 und H2 an die Technikzentrale angeschlossen. Die infrastrukturelle Versorgung der Labore erfolgt über Sammelschächte, die jeweils am Ende der Raumeinheiten angeordnet sind. 

Die Kälteversorgung erfolgt durch eine individuell gefertigte, umweltschonende CO. -Kompressions-Kältemaschine mit einer Kälteleistung von 120 kW und einer konventionellen Kältemaschine mit einer zusätzlichen Leistung von 600 kW. Die CO. -Kompressions-Kältemaschine erzeugt ganzjährig Abwärme, da auch bei kalten Außentemperaturen Labore, Serverräume, Küche, Kühlräume, Kühlmöbel und -zellen mit Kälte versorgt werden müssen. So wird im Winter die Abwärme der Kältemaschine dem Heizsystem zugeführt und deckt so einen Teil der Grundlast. Zwei große Heizkessel decken den Hauptbedarf ab. Technisch werden die beiden Hochschulstandorte Hamm und Lippstadt von einer übergeordneten Managementbedieneinheit über BACnet auf dem Campus Hamm gesteuert.

 

Besondere Gründung
Eine Besonderheit stellte in der Tragwerksplanung der Laborbereich im Gebäude H3 dar, in dem überaus sensible Messeinrichtungen mit einer hohen Intoleranz gegenüber Schwingungen aufgestellt wurden. Durch bauliche Maßnahmen im Bereich der Gründung und der Fundamente wurden in den Räumen Erschütterungen verringert. Um die Übertragung von Schwingungen aus benachbarten Gebäudeteilen zu verhindern, wurde zusätzlich eine Dehnfuge eingearbeitet. Eine weitere Herausforderung stellte der Reinraum-Laborbereich dar, der als Raum in Raum-Konstruktion auf einem Hohlraumboden errichtet wurde und Versuche unter staubfreien Bedingungen ermöglicht. Tragende Außen- und Innenwände wurden in Stahlbeton errichtet. Die Kelleraußenwände aller Untergeschosse wurden als „Weiße Wanne“ errichtet. Im nicht unterkellerten Bereich erhielt das Erdgeschoss eine Stahlbetonbodenplatte. Die Geschossdecken wurden als Flachdecken in Normalbeton hergestellt, wobei diverse Verkehrslasten zu berücksichtigen waren.

Projektinformationen

Fertigstellung
02/2014
Gesamtbausumme
60 Mio. € (brutto)
Flächen und Rauminhalte
NF 17.430 m
BGF 35.280 m
BRI 163.281 m
Bauherr
BLB NRW, Niederlassung Soest
Leistungen pbr
Gesamtplanung
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